Historie zum ersten Bayerischen Luchsprozess

Ein Mitarbeiter des Luchsprojektes Bayern entdeckte an Christi Himmelfahrt 2015 bei Kaitersberg (Lamer Winkel) vier abgetrennte Luchsvorderläufe in der Nähe von Fotofallen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Pfoten absichtlich als Provokation platziert wurden. Der DNA-Abgleich am Berliner Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung und am Gelnhausener Senckenberg Institut für Wildtiergenetik belegte: Die Extremitäten stammten von den Bayerischen Luchsen „Leo“ und „Leonie“. Auf einen der Luchse war laut Gutachten bereits zwei Monate vor seinem Tod zweimal geschossen worden. Die streng geschützten Tiere waren Hoffnungsträger der dortigen Luchspopulation. Sie hatten sich im Lamer Winkel angesiedelt und war innerhalb des Monitorings anhand von Wildkameras regelmäßig identifiziert worden. Der Lamer Winkel im nördlichen Bayerischen Wald ist eine beliebte Urlaubsregion und gleichzeitig ideales Luchsgebiet – nur leider verschwinden die ansässigen Luchse dort regelmäßig spurlos. Man spricht vom „Bermudadreieck der Luchse“. 14 Tiere waren es seit 2010, deren Spuren sich verloren und sechs in ganz Bayern, die nachweislich Opfer illegaler Tötungen wurden. Unter ihnen der am Straßenrand gefundene Jungluchs bei Schönberg. Forensische Untersuchungen belegten eindeutig: die Todesursache war nicht der Verkehr, sondern er wurde auf bestialische Weise stranguliert. Weitere Opfer sind eine mit drei Jungen trächtige Luchsin, die in der Nähe von Bodenmais mit Schrot erschossen wurde, eine besenderte Luchsin („Tessa“) bei Rinchnach, nachdem sie von einem mit Carbofuran vergifteten Rehkadaver gefressen hatte, und zu guter Letzt „Alus“, welcher 2017 kopflos und ohne Vorderbeine im Saalachsee aufgefunden worden war – nachweislich erschossen und von Menschenhand verstümmelt.

Die Forderungen von Naturschutzverbände nach einer konsequenten Strafverfolgung nahmen zu, nicht zuletzt durch die Tagung „Naturschutzkriminalität stoppen“ der GLUS im Bayerischen Wald Ende 2015, bei welcher der Grundstein für eine neuartige Kooperation von Naturschutzorganisationen und Polizei gelegt wurde. Ein polizeiinternes Handlungspapier wurde daraufhin entwickelt und Beamten fortgebildet.

Polizei und Staatsanwaltschaft Regensburg (Oberstaatsanwalt Pfaller) leisteten im Falle Leo und Leonie aufwändige Ermittlungen. Da die ermittelnden Beamten des Polizeipräsidium Oberpfalz, PI Bad Kötzting, lange im Dunkeln tappten, lobte die damalige Umweltministerin Ulrike Scharf im März 2016 in einer mutmachenden Rede 10.000€ Belohnung aus, für sachdienliche Hinweise die zum Täter führen. Die bis dahin eher schleppende strafrechtliche Verfolgung solcher Fälle wurde neu strukturiert und der Verfolgungsdruck erhöht – nicht zuletzt durch die massive Öffentlichkeitsarbeit von Naturschutzverbänden. Während der Ermittlungen arbeiteten die Behörden ebenso eng mit Behörden auf tschechischer Seite zusammen. Zunächst ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt, nach Eingang von Hinweisen, gegen einen beschuldigten Jäger wegen des Verdachts der Jagdwilderei, sowie wegen Verstößen gegen das Bundesnaturschutzgesetz und das Tierschutzgesetz.

Bei einer Hausdurchsuchung in Lohberg, Lkrs. Cham im Dezember 2016 fand man tatsächlich Luchstrophäen (2 Ohren, 5 Krallen), Lebendfang-Luchsfallen, Munition im Kaliber 22 lfB (lang für Büchsen), ein Wurfstern und Nachtsicht-Zieleinrichtungen (Nachtsichtgerät mit Aufsetzvorrichtung auf das Zielfernrohr).

Im März 2019 wurde endlich das Ergebnis äußerst schwieriger Ermittlungen und aufwendiger Untersuchungen veröffentlicht: Beim Vergleich zwischen den in den Luchskadavern aufgefundenen Projektilfragmenten und der sichergestellten Munition des Jagdberechtigten konnte keine Übereinstimmung festgestellt werden. Ebenso wenig zeigte die Vergleichsuntersuchung der aufgefundenen Luchsbeine, mit den beim Beschuldigten sichergestellten Luchspfoten und Luchsohren, Übereinstimmung. Die konkrete Zuordnung der sichergestellten Luchsohren und -krallen zu einem bekannten Luchs konnte bislang nicht erfolgen, man weiß lediglich, dass es sich um einen Europäischen Luchs handelt. Die Spuren und die DNA wurde mit einer tschechischen Luchs-Datenbank abgeglichen. Zum anderen gab es ein aufwendiges Gutachten zu Geschosspartikeln. Diese Untersuchung ging weit über das übliche ballistische Gutachten hinaus. Experten vom Bayerischen LKA führten eine Blei-Isotopen-Analyse durch, um das Blei der Geschossteile im Detail zu analysieren. Weiterhin wurden Schmauchspuren und Tierhaare an der Lebendfalle untersucht. Dann wurden alle Ergebnisse zusammengeführt.

Dem Beschuldigten aus Lohberg konnte demnach eine Beteiligung an dem Fall „Leo und Leonie“ oder gar deren Tötung nicht nachgewiesen werden. Somit wurde das Ermittlungsverfahren gemäß § 170 Absatz 2 StPO mangels Tatnachweis eingestellt, ebenso die Ermittlungen wegen der Tötung eines anderen Luchses, dessen Pfoten und Ohren man bei der Hausdurchsuchung entdeckt hatte. Nicht beweisen konnten die Behörden außerdem weitere illegale Wildtier-Tötungen, die der Mann selbst gegenüber einem Zeugen behauptet hatte. Konkrete Ereignisse konnten mangels Geständnisses, geeigneter Spuren und Beweismittel nicht mit der notwendigen Sicherheit - auch im Hinblick auf Tathandlung, Tatzeit und Tatort - festgestellt werden.

Aufgrund der bei der Durchsuchung sichergestellten Beweismittel hat die Staatsanwaltschaft Regensburg dennoch Anklage gegen den tatverdächtigen Jäger wegen weiterer Tatvorwürfe erhoben. Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift der vorsätzliche Besitz zweier verbotener Waffen zur Last gelegt: Nachtsicht-/zielgerät und Wurfstern. Zum anderen die in einem Waldgebiet (Eigenjagdrevier des Beschuldigten) aufgefundene Lebendfalle. Aufgrund der an der Lebendfalle gesicherten Spuren und weiterer Beweismittel besteht nach Auffassung der Staatsanwaltschaft der hinreichende Verdacht, dass der 53-Jährige mit Hilfe dieser Falle Luchsen nachstellte und im Zeitraum zwischen Juni 2014 und September 2016 mindestens einen Luchs fing, welchen er anschließend mit einer Kurzwaffe des Kalibers .22 oder .347 Magnum tötete. Die Staatsanwaltschaft legt dem Beschuldigten deshalb in ihrer Anklageschrift auch das vorsätzliche Nachstellen und Töten eines wildlebenden Tieres einer streng geschützten Art, strafbar nach dem Bundesnaturschutzgesetz, zur Last. Dem Mann wird ein Vergehen nach §71 des Bundesnaturschutzgesetzes vorgeworfen. Der mögliche Strafrahmen für die beiden Anklagepunkte liegt bei einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Die Verhandlung am Amtsgericht Cham findet am 12. September um 11 Uhr im Sitzungssaal 1 in Cham statt.

Wir fordern: „Nach den umfassenden Bekenntnissen von Polizei, Innenministerium und Staatsanwaltschaft müssen jetzt Taten folgen und Anschluss an internationale Standards bei Prävention und Verfolgung von Naturschutzkriminalität gefunden werden. Als absolutes Mindeststrafmaß sollte dieser Strafprozess einen Entzug der Waffenbesitzkarte, sowie des Jagdscheins zur Folge für diesen Jäger haben.“

 

 

Die schwierige Rückkehr der Luchse in Bayern

Durch Bayerns Wälder streifen derzeit etwa 70 Luchse (inkl. Jungtiere), das Hauptverbreitungsgebiet liegt im Bayerischen Wald. Deutschlandweit sind wir bei ca. 135 Tieren (Bayern, Harz, Rheinlandpfalz). Nicht nur illegale Abschüsse machen es den Pinselohren in Bayern schwer, auch der veraltete Managementplan von 2008 lässt keine aktive Wiederansiedlung zu - um den fragilen Bestand aufzufrischen. Dabei sollten Luchse zu den beliebtesten Tieren der Welt gehören: Sie haben den Charme aller Katzen, sind grazil, hübsch anzuschauen und für den Menschen ungefährlich. Dass sie um 1900 herum trotzdem in West- und Südeuropa praktisch ausgerottet waren, lag in erster Linie an der damaligen Haltung gegenüber großen Beutegreifern. Dass sie es heute noch immer nicht schaffen, in ihre angestammten Lebensräume zurückzukehren, liegt hauptsächlich an einigen wenigen schwarzen Schafen, die sie illegal – teils auf sehr grausame Art und Weise - töten. In ganz Europa dürfte es ca. 10.000 Luchse geben, die meisten davon in Skandinavien und Osteuropa. Kleinem isolierte Populationen in Mitteleuropa, wie z.B. in den Schweizer Alpen, stammen allesamt aus Wiederansiedlungen, mit denen in vielen Ländern ab den 1970er-Jahren begonnen wurde. Bayern profitierte diesbezüglich von den Bemühungen Tschechiens, das in den 1980er-Jahren auf seiner Seite des Böhmerwaldes 17 Luchse auswilderte. Da die Tiere ein großes Streifgebiet beanspruchen, sich aber nicht an Landesgrenzen halten, ist das bayerisch-tschechisch-österreichische Grenzgebiet, also der Bayerische Wald und der südliche Oberpfälzer Wald, bis heute das Areal mit den meisten Luchssichtungen hierzulande.

Insgesamt wird die Bayerisch-Böhmisch-Österreichische Population auf 110 Tiere geschätzt. Jedoch wäre es dringend an der Zeit den Bestand mit „frischem Blut“ aufzufrischen, um die genetische Diversität zu verbessern. Ein Blick zu unseren österreichischen Nachbarn lehrt uns: 2011/12 wurden dort drei Tiere aus der Schweiz angesiedelt, um den Bestand im Nationalpark Kalkalpen zu stützen. Dies führte zu Nachwuchs, aber 2015 brach der kleine Bestand wieder aufgrund zweier illegaler Abschüsse ein. Das verantwortliche Jägerehepaar musste für sein verbotenes Jagdvergnügen jeweils 12.000 Euro Schadenersatz zahlen. Um den Verlust auszugleichen, wurden zwei neue Luchse in den Kalkalpen angesiedelt. Jetzt hofft man wieder auf Nachwuchs. Illegale Abschüsse sind das, was die Rückkehr des Luchses am meisten behindert – bei den geringen Stückzahlen ist jedes getötete Tier ein Verlust, der schwer auszugleichen ist. Zudem mangelt es an einem bundesweiten und länderübergreifenden Management: "Bayern tut definitiv zu wenig für die Wiederansiedlung", ist Franziska Baur überzeugt. Die Gregor Louisoder Umweltstiftung fordert daher das gezielte Freisetzen von Luchsen in geeigneten bayerischen Mittelgebirgen und im bayerischen Alpenraum. Mögliche Ersatzfreilassungen für illegal zu Tode gekommene Tiere, wie z.B. Alus (welcher 2017 getötet wurde). Der Managementplan Luchs muss geändert werden, um dies zu legalisieren. Auch der Kampf gegen die illegale Jagd müsse weiterhin aufrecht gehalten werden und darf nicht einschlafen. Jedem verurteilten Täter muss mindestens der Jagdschein und die Waffenbesitzkarte entzogen werden.

Das Jagd- und Fressverhalten des Luchses und seiner Beute ist es übrigens, das ihn mit manchen menschlichen Jägern in Konflikt bringt: Nicht nur sehen sich einzelne Jagdausübungsberechtigte durch die Jagdtätigkeit des Luchses um "ihre" Rehe betrogen, durch die größere Vorsicht des Wildes müssen sie angeblich oft auch mehr Zeit für einen erfolgreichen Abschuss investieren. Am zahlenmäßigen Schaden dürfte die vereinzelte Antipathie nicht liegen: Rund 325.000 in Bayern (Tendenz seit 1990 steigend) jährlich geschossenen Rehen steht ein Jahresbedarf von 50 Rehen pro erwachsenen Luchs auf einer Fläche von 100 Quadratkilometern, rund 30 menschlichen Jagdrevieren, gegenüber.

Die Auseinandersetzung um das Schalenwild ist laut Dr. Angela Lüchtrath ein Ersatzkrieg zwischen Jägerschaft und Naturschutz. Lüchtrath (2011) erklärt dies damit, dass die Jägerschaft gegenüber dem Naturschutz viel Einfluss verloren hat, dass ihre positive Rolle in der Kulturlandschaft in Frage gestellt wird, und dass ihr immer mehr Kompetenzen entzogen werden. In diesem Konflikt sei der Luchs zu einer Ikone des Naturschutzes geworden (Schraml & Heurich 2016). Die Jäger sähen im Luchs den „Handlanger“ einer Forstpolitik, die gegen ihre Interessen gerichtet sei. Mit der Ablehnung oder gar Tötung dieser Ikone träfen die Jäger das andere Lager (Forst und Naturschutz) insgesamt.

Eine wissenschaftliche Studie von Heurich (2018) hat alle verfügbaren Daten des Luchsmonitorings ausgewertet und ist zu dem ernüchternden Ergebnis gekommen, dass das Vorkommen von Luchsen mit wachsender Entfernung von den Grenzen des Schutzgebietes rapide abnimmt, obwohl zahlreiche günstige Luchshabitate wie der Lamer Winkel existieren. Die Luchse schaffen es also nicht, die Lebensräume zu besiedeln, die ihnen zur Verfügung stehen. Anders als bei Wölfen gibt es bei Luchsen keine innerartliche Aggression, auch der Straßenverkehr fällt als Todesursache kaum ins Gewicht. Neben der normalen Jungensterblichkeit ist daher die illegale Tötung der entscheidende Faktor, der die fragile bayerisch-tschechische Luchspopulation limitiert.

Dennoch hat der öffentliche und strafrechtliche Druck der letzten Jahre, das Medieninteresse und das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung für die heimische Artenvielfalt Wirkung gezeigt. Derzeit gibt es die meisten Luchse seit ca. 200 Jahren und darüber sind wir mehr als glücklich! Dennoch bleibt der kritische Erhaltungszustand dieser Tierart bestehen und unser Ziel ist, eine stabile, gut vernetzte Population, welche langfristig in ihrer ursprünglichen Heimat überleben kann.