Was bisher geschah...

Chronologie der Fälle in Bayern

Die Liste illegal getöteter Wildtiere in Bayern ist lang. Eine Chronologie der (bekannten) Fälle in Bayern seit 2012 verschafft einen Einblick in die Dimension, denn die Dunkelziffer ist hoch.

© Edgar Hoh

An dieser Stelle geben wir Ihnen einen kleinen Überblick über aktuelle Fälle aus ganz Bayern. Die Auflistung ist nicht vollständig, sondern beinhaltet nur die aus unserer Sicht besonders erwähnenswerten Fälle.

Die Fälle sind durch toxikologische oder veterinärmedizinische Gutachten nachgewiesen oder es handelt sich um von den Behörden sichergestellte Fanggeräte. Da insbesondere die toxikologischen Gutachten oft zeitaufwändig sind, werden Giftfälle erst nach Abschuss der Analysen mit einiger Verzögerung aufgenommen.

Fälle nach Jahren:

2012

Vergifteter Luchs "Tessa" im LK Cham

2013

  • Erschossener Luchs im Landkreis Regen
  • 2 verletzte Rotmilane und 1 toter Mäusebussard im Landkreis Cham
  • März und April: 5 Mäusebussarde, 1 Rotmilan, 1 Schwarzmilan, 6 Rotfüchse, 2 Steinmarder, 1 Elster nahe Ostheim an der Röhn
  • Mai: mehrere tote Mäusebussarde im Landkreis Landshut

2014

Ertränkter Fischotter in Chamerau

2015

  • Mai: abgeschnittene Pfoten zweier Luchse im Landkreis Cham
  • Juli: vergifteter Uhu im Landkreis Regensburg, außerdem verstümmelte Wiesenweihen
  • September: geschossener Uhu im Landkreis Landshut
  • Dezember: getöteter Luchs im Landkreis Grafenau

2016

  • Ermittlungen gegen eine Person im Zusammenhang mit den getöteten Luchsen im Bayerischen Wald beginnen
  • Dezember: Hausdurchsuchung der verdächtigen Personen in Lohberg mit Fund diverser Luchsteile, Fallen und Jagdgeräten

2017

  • April: 6 getötete Greifvögel (Mäusebussarde/Rotmilane) im LK Cham (teils Schrotbeschuss, sowie Verdacht auf Vergiftung)*
  • Mai: erschossener Schwarzstorch bei Oberstaufen im Allgäu; 1 Rotmilan und 3 Mäusebussarde im Landkreis Cham (Schrotbeschuss)
  • Juni: 2 stark verweste Greifvogelkadaver im Landkreis Cham gefunden
  • Juli: östlich von Wallersdorf-Altenbuch im Landkreis Dingolfing-Landau Erstickungstod einer Rohrweihe (hochtoxisches Kontaktgift Carbofuran)
  • August: 1 Waldohreule, 1 Rabenkrähe, 1 Mäusebussard (alle 3 Fälle: Carbofuranvergiftung)
  • September: Luchs Alus wird im Landkreis Berchtesgaden ohne Kopf und Vorderläufe aufgefunden
  • Tasching, Ortsteil Cham: 4 Mäusebussarde und 3 Rotmilane (3 Tiere starben durch Carbofuranvergiftung)

2018

  • Februar: angeschossener Uhu verhungert bei Bad Füssing nähe Egglfinger Auwald (untere Naturschutzbehörde erstattet Anzeige bei Staatsanwaltschaft Passau gegen Unbekannt)
  • Juni: Polizeiinspektion Roding findet einen Mäusebussardkopf und seine Füße auf einem Parkplatz liegend

Greifvogelverfolgung auf Boarisch

Bei uns in Bayern werden jedes Jahr zahlreiche Greifvögel illegal getötet, obwohl sie nach Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind. Typische Opfer sind Mäusebussard oder der seltene Seeadler. Für einige Arten können Nachstellungen einen massiven Eingriff in die bestehenden Vorkommen bedeuten und existenzbedrohend wirken, z.B. beim prächtigen Rotmilan: Weltweit gibt es nur noch maximal 29.000 Brutpaare. Da ca. 50% davon in Deutschland brüten, tragen wir eine besondere Verantwortung für die Erhaltung dieser Art.

Nach der deutschen Rechtslage drohen bei illegalen Tötungen hohe Geld- und Gefängnisstrafen, sowie Entzug des Waffen- und Jagdscheins. Eine lange Liste von Verdachtsfällen zeigen Vergiftungen oder nachgewiesenen Beschuss. Die Straftäter können jedoch meist nicht ermittelt werden und kommen ungestraft davon. Allein im LK Cham seit 2017 60 Vögel illegal getötet worden. Ein besonders provokanter Fall war ein Bussard, dessen Kopf und Füße gut sichtbar auf einem Parkplatz ausgelegt wurden.

Ein gängiges Gift um „unerwünschte“ Tiere zu töten, ist das hochtoxische Nervengift Carbofuran (Pestizid, EU-Verbot seit 2008): ein schwarz-bläuliches Granulat mit chemischem Geruch. Oftmals werden damit Fleischköder oder Eier („Gifteier“) präpariert. Auch Haustiere oder Kleinkinder sind gefährdet, an den giftigen Kügelchen zu naschen. 

Vorallem Mäusebussarde und Habichte werden von vielen Geflügelhaltern und Jägern in Deutschland immer noch als lästige Konkurrenz empfunden. Tatsächlich stehen bevorzugte Beuteobjekte der Jäger wie etwa Rebhühner und Fasane oder eben Haushühner und Brieftauben auf dem Speisezettel heimischer Greifvogelarten. Während es die einen dabei belassen, sich über die ungeliebten Tiere zu ärgern, greifen andere illegal zu Gift, Fallen und Schrot, um sich der Beutegreifer zu entledigen. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und bei uns in Bayern ist die Greifvogelverfolgung vielfach immer noch an der Tagesordnung.

Bis in die 1970er Jahre hinein wurden Greifvögel in Deutschland legal bejagt und unterliegen noch heute dem Jagdrecht. Doch aufgrund ihrer Bedeutung für das Ökosystem und wegen der zum Teil dramatischen Bestandssituation einiger Arten wurden alle Greifvögel und Falken unter Schutz gestellt.

Die Palette der Methoden, mit denen Geflügelzüchter und Jäger Greifvögeln nachstellen, ist breit gefächert. In jagdlich intensiv genutzten Niederwildrevieren finden sich nicht selten mit Nervengiften getränkte Fleischköder, auf Sitzwarten wie z.B. Zaunpfählen montierte Tellereisen, geräumige Massenfallen oder eigens für den Greifvogelfang hergestellte Habichtfangkörbe. In Wildvogelpflegestationen werden Jahr für Jahr zahlreiche Greife eingeliefert, in denen die Tierärzte Schrote oder Luftgewehrprojektile finden. Ganz Dreiste sägen einfach ganze Horstbäume um – im Zweifel während der Brutzeit mitsamt Jungvögeln!

Bevorzugte Opfer sind Mäusebussarde und Habichte. Die häufigsten Opfer von Giftköder sind jedoch die gefährdeten Rotmilane, welche in Mitteleuropa ihren weltweiten Verbreitungsschwerpunkt haben und somit ein existenzielles Problem haben: Der Vogel ernährt sich überwiegend von Aas und wird deswegen von Fleischködern magisch angezogen. Aber auch Wander- und Turmfalken, Sperber und selbst Uhus leiden unter der illegalen Nachstellung.

Die Täter können dabei so gut wie sicher sein, nicht erwischt zu werden. Nur wenn die Wilderer in flagranti erwischt werden oder die Fallen auf eingezäunten Grundstücken gefunden werden, ist ein Gerichtsverfahren überhaupt denkbar. Aus NRW wissen wir, dass seit sich die Mitarbeiter des Komitees gegen den Vogelmord gezielt an Fallen mit Videokameras auf die Lauer legen, geht die Greifvogelverfolgung zurück. Gerichtsurteile mit vergleichsweise hohen Geldstrafen und dem Entzug des Jagdscheines zeigen nach und nach ihre Wirkung.

 

Rückkehr der großen Beutegreifer (Bär, Wolf, Luchs) nach Bayern

Einst verachtet und gejagt kehren die großen Beutegreifer wieder in ihre angestammten Lebensräume in Europa zurück. Dies ist auch auf den Schutz dieser Arten durch verschiedene Schutzabkommen auf europäischer und nationaler Ebene zurückzuführen. Beispielsweise seien hier genannt: Die Berner Konvention, die Bonner Konvention, die Flora-Fauna-Habitat Regelung. Nationale und regionale Gesetze wurden an die Vorgaben zum Schutzstatus auf EU-Ebene angepasst. Aber wie hängen die Rückkehr dieser Wildtiere und die Wildnisentwicklung oder Wildnis zusammen?

In diesem Artikel beleuchten wir den südlichen Teil Deutschlands mit den anschließenden Alpenregionen, in denen bereits große Beutegreifer beheimatet sind. Sie dienen als Beispiel für das Schicksal der Wildtiere in der Kulturlandschaft. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde hier jede dieser Arten – Bär, Wolf und Luchs – als "Plage" ausgerottet. Die Rückkehr war dank Verbesserungen in der Gesetzesgrundlage, der Verbindung von natürlicher Wiedereinwanderung aus Nachbarländern und unterstützender Wiederansiedlung von Wildfängen (Luchs, nicht Wolf) möglich. Mit der territorialen Ausbreitung begann die Diskussion der Landwirte, dass es keine Wildnis mehr für diese Tiere im Alpenraum gebe. Der unmittelbare Zusammenhang von Wildnis und dem Vorkommen von großen Beutegreifern wird bezweifelt. Hierfür gibt es Beispiele in denen große Beutegreifer sehr wohl in der Kulturlandschaft, oft auch nahe an menschlichen Siedlungen vorkommen. Viele Wölfe in Spanien leben in Agrarlandschaft und ziehen dort ihre Jungen auf. Es wird erzählt, dass Bären, die auf Raubzug im Obstgarten sind, von der Bäuerin durch Beschuss mit Äpfeln vertrieben wurden. Aus Rumänien kennt man die Geschichte eines weiblichen Wolfes, der regelmäßig in der Innenstadt von Brasov (280.000 Einwohner) gesichtet wurde, wo sie auf der Suche nach Nahrung für ihre Jungen war und offensichtlich irrtümlich als streunender Hund angesehen wurde. Dank Telemetrie und wissenschaftlicher Monitoring-Systeme (SCALP) hat man festgestellt, dass sich in der Schweiz Luchse nahe an Siedlungen und Straßen aufhalten — vorausgesetzt, sie finden ruhige Tageslager, um sich zurückzuziehen. Es war nicht ungewöhnlich, Luchse direkt neben einer Hiebfläche, einem Berg-Restaurant, entlang von Skiliften oder Naherholungsgebieten zu orten. Dabei schienen sie sehr wohl die Aktivitäten der Menschen wahrzunehmen, wobei selten die Anwesenheit der Luchse von den Menschen wahrgenommen wurde.

Heißt das nun im Umkehrschluss, dass Wildnis nicht für das Wohl der großen Beutegreifer von Bedeutung ist? Solch ein Rückschluss würde ein wichtiges Argument der Befürworter von Wildnis weltweit entkräften. Um einschätzen zu können, ob Wildnis eine Rolle spielt, hilft es sich die Definition dazu genauer anzusehen:  Wildnis ist ein Gebiet, dass durch natürliche Prozesse geleitet wird. Es setzt sich zusammen aus angepassten, angestammten Lebensräumen und Arten und ist groß genug, um natürlich ablaufende Prozesse zu ermöglichen.

Bär, Wolf und Luchs sind mittlerweile in die meisten europäischen Länder zurückgekehrt oder nie gänzlich verschwunden. Sie werden als heimische Arten angesehen, die von der Wildnisentwicklung profitieren sollten. Schätzungen zufolge steht 1% der Landfläche Europas unter Wildnisschutz. Die Mehrzahl der Wildnisgebiete ist kleiner als 100km². Verglichen mit der Reviergröße von Luchsen (50-900 km²) oder den Wanderstrecken, die Wolf und Bär auf der Suche nach Partner und neuen Revieren zurücklegen (100-1500 km), wird der wahre Platzbedarf ersichtlich. Die räumliche Dimension nimmt weiterhin zu, betrachtet man die minimale Anzahl der Tiere (mind. 1000, laut LCIE) für eine gesunde Population (Genetik, Veränderungen in der Umwelt, Krankheiten). Parameter wie Genetik, Reviergröße und Paarungsverhalten haben Einfluss auf die natürlichen Prozesse wie sie in der Definition zu "Wildnis" aufgeführt sind. Die ökologische Funktion wird in kaum einem Wildnisgebiet in Europa wirkungsvoll erfüllt. Daher ist es wahrscheinlich, dass natürliche Prozesse, die einen großen Raumanspruch haben, sich in „nicht-Wildnisgebiete“ ausdehnen und dort Konflikte auslösen können. So geschehen im Fall des jungen Braunbären JJ1 ("Bruno") im Mai 2006. Er wanderte von Italien über Österreich nach Bayern und tötete einige Nutztiere, bevor er auf Geheiß der Staatsregierung geschossen wurde.

Die größte Erkenntnis daraus mag gewesen sein, dass trotz der Fassade der Naturverbundenheit, die überall hervorgehoben wurde, das moderne Deutschland nur schwer mit ungezähmter Natur umgehen kann. Seit Generationen gibt es in Deutschland, auch in den Alpenregionen, keine Wildnis mehr. Natur ist eine gute Sache, solange sie unter Kontrolle stattfindet, kanalisiert und kultiviert ist. Die Wiederansiedlung von Bären im Alpenraum ist dem Untergang geweiht, außer die Bären sind gewillt, nicht all zu wild zu sein. (frei nach Fischer und Neukirch 2010).